Gig-Working hat viele Gesichter

Allgemein, Freelancing, Skills, Unternehmen

Wer Gig hört, hat Musik im Ohr. Er denkt wahrscheinlich an Szeneclubs und an Bands, die nach einem Abend on stage weiterziehen zum nächsten bezahlten Auftritt, in einem anderen angesagten Laden der Stadt – ohne langfristige Bindung, immer nur mit zeitlich eng begrenzten Engagements. Als Anfang 2009, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, viele, auch angesehene Banker, von heute auf morgen auf der Straße standen, erhielt der Begriff aber eine etwas andere Prägung. Denn die gestern noch sicher Beschäftigten waren auf einmal darauf angewiesen, sich mit einer Reihe von kleinen, wechselnden Jobs irgendwie über Wasser zu halten. Und in Anlehnung an jenes Tingeln der Bands im Musik-Business war seinerzeit auch schnell die Rede vom Gig-Working.

Von Ärzten und Schraubern

Die Zahlen darüber, wie weit verbreitet diese Form der Arbeit heute tatsächlich ist, gehen weit auseinander – je nach Definition. Ein zentrales Kriterium ist jedenfalls: Gig-Worker bewegen sich bei ihrer Erwerbstätigkeit außerhalb fester Angestelltenverhältnisse. So gesehen, könnte man auch bestverdienende Schönheitschirurgen, Architekten oder manchen selbständigen IT-Experten und Interimsmanager dieser Spezies zuordnen. Wenn man so will, die Crème de la Crème der Gig-Working Gemeinde. Tatsächlich geht es im Kern aber um einen Teilbereich des Arbeitsmarktes, in dem kleinere, budgetär und zeitlich überschaubare Aufträge über Online-Plattformen wie etwa Fiverr, MyHammer oder Twago zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern vermittelt werden. Das, was hier alles hin und her geschoben wird, umfasst unterdessen ein breites Spektrum unterschiedlichster Leistungen bzw. beruflicher Fertigkeiten. Da werden Handwerks- und Putztätigkeiten ebenso an den Mann gebracht, wie Programmier-, Text- oder Übersetzungsdiente. Das Ganze funktioniert nicht mehr nur lokal, sondern längst auch überregional und über nationale Grenzen hinweg. Der Digitalisierung sei Dank.

Notwendiges Übel oder Selbstverwirklichung

Gig-Worker ist nicht gleich Gig-Worker. Hinter jedem Einzelnen steckt eine Persönlichkeit mit einer eigenen Vita und Berufsbiographie.  Während es für die einen ein notwendiges Übel ist, um als Geringqualifizierter, als arbeitender Student oder Nebenjobber über die Runden zu kommen, geht es bei den anderen schlichtweg darum, sich über digitale Plattformen einen zusätzlichen Vertriebsweg zu erschließen. Während man hier Freude über das abwechslungsreiche Jobhopping in einer ausgeglichen Work-Life-Balance empfindet, geht es dort schlichtweg um Broterwerb und Existenzsicherung. Ausgangsbedingungen, Verdienstmöglichkeiten und auch Perspektiven der Gig-Worker können also durchaus unterschiedlich sein. Der Wettbewerb und damit auch der Druck auf Honorare ist indes groß – auch im Bereich von qualifizierten Dienstleistungen. Denn Auftraggeber können in der Regel mit nur wenig Aufwand zwischen einer großen Anzahl bearbeitungswilliger Freelancer wählen. Wohl dem also, der als selbständiger Dienstleister auf vielfältige Kontakte und generisch gewachsene Kundenbeziehungen setzen kann.

Freiheit, die ihren Preis hat

Laut einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes aus dem März dieses Jahres waren in Deutschland im Jahr 2018 rund 10 Prozent der über 41 Millionen Erwerbstätigen als Selbständige unterwegs. Die meisten davon im Bereich der freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen, etwas über die Hälfte als Solo-Selbständige. Und natürlich, der eigene Herr zu sein, das hat schon was – freie Zeiteinteilung, kein Rechtfertigungszwang gegenüber launigen Vorgesetzten und Arbeiten jenseits starrer Organisationsstrukturen. Wenn dann noch das Geld stimmt, was will man mehr? Dass die Realität für viele der Einzelkämpfer aber nicht immer ganz so rosig aussieht, wie vielleicht erträumt ist ja klar. Die Freiheit hat eben auch ihren Preis, und das nicht nur in Zeiten der Pandemie. Aber nirgendwo steht ja geschrieben, dass es keinen Weg zurück in ein festes Angestelltenverhältnis gibt – selbst, wenn sich das eigene Ego noch etwas sperren mag. Woran es allerdings mangelt, ist die vorurteilsfreie Offenheit von Unternehmen gegenüber „Rückkehrwilligen“. Dabei bringen diese oftmals nicht nur gefragte Fertigkeiten, sondern auch Gewinn bringende Persönlichkeitsmerkmale mit. „Scheitern“ ist kein Makel und kann vielfältige Gründe haben. Personalverantwortliche sollten hier in jedem (Einzel)Fall genauer hinschauen.