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Alles nur Kopfsache?

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Natürlich, Sie kennen das. An jedem Tag der Woche treffen Sie eine Vielzahl von kleinen oder auch größeren Entscheidungen, einen nicht unerheblichen Teil davon ohne aufwendige Recherche, Informationsaufarbeitung und detaillierte Analyse – ganz intuitiv, aus dem Bauch heraus und in den meisten Fällen liegen Sie damit genau richtig. Sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen ist in hohem Maße ökonomisch, denn es spart enorm viel Zeit.

Mantra der Rationalität

In der Wirtschaft tut man sich mit der Intuition schon ein bisschen schwerer. Rationalität ist das Mantra, für Bauchentscheidungen ist hier nur wenig Platz. Alles bitte schön strukturiert, analytisch, gut durchdacht und am besten durch harte Fakten abgesichert – das gilt auch im HR-Management, zum Beispiel dann, wenn es um die Besetzung vakanter Nachwuchsführungspositionen geht. Personalentscheidungen werden hier nach allen Regeln der eignungsdiagnostischen Kunst getroffen, um das Risiko von kostspieligen Fehlentscheidungen zu minimieren. Ein solch extensiver Entscheidungsprozess liegt im Übrigen auch im ganz persönlichen Interesse von personalverantwortlichen Entscheidern. Sie müssen Bewerbern abschlägige Entscheidungen und ihrem Arbeitgeber gegenüber Personalempfehlungen plausibel darlegen können. Insbesondere stehen sie aber auch unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck, sollte sich der ausgewählte Kandidat letztlich als Fehlbesetzung herausstellen. Wer hier auf Testergebnisse und erprobte Beurteilungsschemata verweisen kann, ist auf der sicheren Seite, muss sich nichts vorwerfen lassen.

Weder Willkür noch Kaffeesatz

Es wäre allerdings einigermaßen naiv zu glauben, dass Intuition in Personalentscheidungsprozessen bei allem Bemühen um Rationalität keine Rolle spielen würde. Bleibt die Frage, ist es denn eigentlich schlimm, wenn ein Personaler mit jahrzehntelanger Berufspraxis im Zweifel nach seinem Bauchgefühl entscheidet? Schließlich kommt es ja oft genug auch dann zu Fehlentscheidungen, wenn mutmaßlich analytisch, strukturiert und wissenschaftlich fundiert vorgegangen wird. Den Erkenntnissen des Bildungsforschers Gerd Gigerenzer zufolge führen intuitive Entscheidungen vor allem dann zu guten Ergebnissen, wenn zu viele, zu wenige oder auch widersprüchliche Informationen vorliegen. Voraussetzung ist allerdings, dass Entscheidungsträger tatsächlich möglichst umfangreiche Erfahrungen in der betreffenden Entscheidungsfrage, hier in der Personalbeurteilung und -auswahl, haben. Anders als man es vielleicht auf den ersten Blick vermuten könnte, geht es bei intuitiven Entscheidungen also weder um reine Willkür noch um Kaffeesatzlesen. Denn „für solche Entscheidungen bedienen sich die Menschen einer Wissensbasis, die ihnen nicht bewusst zugänglich ist“, so die Kognitionswissenschaftlerin Kirsten Volz.

Hör auf die Stimme

Um nicht missverstanden zu werden, das ist natürlich kein Plädoyer dafür, dass etablierte Instrumentarium der Personalbewertung und Eignungsdiagnostik einfach durch Intuition zu ersetzen. Aber an der inneren Stimme, dem Bauchgefühl kommt man eben auch nicht vorbei. Die Frage ist deshalb eher: Wie soll ein Personaler in einer konkreten Bewertungs- und Entscheidungssituation damit umgehen? Verdrängen? Ignorieren? Im Gegenteil, für erfahrene Personaler kann die Intuition eine wertvolle Entscheidungshilfe sein, vor allem eben dann, wenn es nach einem Personalauswahlprozess auf der Grundlage belastbarer Fakten und Zahlen kein eindeutiges Votum für den einen oder anderen Kandidaten gibt. Wer hier auf einen weitreichenden Erfahrungsschatz zurückgreifen kann, darf und sollte der inneren Stimme ruhig Gehör verleihen. Zudem kann das Bauchgefühl als eine Art inneres Frühwarnsystem auch Anlass geben, an der einen oder anderen Stelle noch einmal etwas genauer hinzusehen und nachzufragen. Weil Intuition aber auch immer etwas mit Emotionen zu tun hat, ist bei all dem aber auch Sensibilität und die Fähigkeit zur Selbstreflexion gefragt. Denn ausgeschlossen werden sollte immer, dass die ganz persönliche Antipathie oder Sympathie einem Kandidaten gegenüber, entscheidungsrelevant wird. Unter dem Strich geht es bei Personalauswahlentscheidungen weder um reine Testhörigkeit, noch um Gefühlslduselei, sondern eher um den gesunden Mix aus eignungsdiagnostischen Erkenntnissen und implizitem Wissen erfahrener Fachleute.

Quelle Beitragsbild: Pixabay

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